Djihad, mon ami

Coverfoto Djihad, mon ami
Copyright: Knesebeck

von Dounia Bouzar
aus dem Französischen
von Sarah Parsquay
Knesebeck, 2017
Gebunden,160 Seiten
ab 14 Jahren
ISBN 978-3-9572-8041-1
14,95 Euro

Camille war meine beste Freundin. Wir sind zusammen ausgegangen, haben einander alles erzählt, gemeinsam für die Schule gelernt. Und dann, wie aus dem Nichts, hat sie sich plötzlich verändert. Es war, als sei sie nicht mehr sie selbst. In der Woche darauf hat Camille sich rekrutieren lassen. Bis ich mich informiert hatte und allmählich zu begreifen begann, war es schon zu spät. Da war Camille in Gedanken schon unterwegs nach Syrien, wie eine Maschine, die ihr Herz und ihr Gehirn verloren hat.   

Sarah stammt ursprünglich aus Marokko, aus einer großen muslimischen Familie mit sehr traditionellen Werten. Seit sie ein kleines Mädchen ist, lebt sie aber mit ihren Eltern in Paris. Sarah ist selbstbewusst, modern, frei denkend, klug und kann messerscharf argumentieren. Sie hat sich viel mit ihren muslimischen Wurzeln beschäftigt, sieht sich selbst aber nicht als Muslima, sondern als Französin mit muslimischem Glauben. Sie findet die scharfe Überwachung ihrer marokkanischen Familie unerträglich und widersetzt sich ihr, wann immer es möglich ist.

Camille hat mit dem Islam nicht viel am Hut, sie ist ein dünnes, misstrauisches 17 jähriges Mädchen und hat ein schwieriges Verhältnis zu Jungs. Sie macht sich absichtlich hässlich und benimmt sich komisch und aggressiv, nur um herauszufinden, ob ein Typ sich nicht nur für ihr Äußeres, sondern auch für ihre inneren Werte interessiert. Aber Sarah ist die Einzige, die das begreift.

Sarah und Camille gehen beide aufs Gymnasium, in den wissenschaftlichen Zweig der Abschlussklasse. Dort sollen sie ein Referat über die Lebensmittelherstellung schreiben. Camille sucht nach Infos über ungesunde Ernährung im Internet und klickt sich durch unzählige You Tube- Videos. Dabei gelangt sie zufällig auch auf andere  Seiten und  ist fasziniert von den vielen neuen Gedanken, die sie dort hört, z.B.  von den abgefahrenen Verschwörungstheorien so genannter „Geheimgesellschaften“ , die in unterschwelligen Botschaften  die „versteckte Wahrheit“ verkünden.

In den drauf folgenden Wochen verändert Camille sich vollkommen, sie agiert wie ein aggressiver Roboter und scheint mit ihren Gedanken ständig woanders zu sein. Außerdem verhüllt sie ihren Körper mit einem unförmigen schwarzen Dschilbab. (Umhang) Sie hängt die Kunstdrucke in ihrem Zimmer ab, schaltet das Radio nicht mehr ein, schüttet die Parfümflaschen ihrer Mutter  ins Waschbecken, zerreißt Familienfotos und geht nicht mehr zur Schule. Auch Sarah gegenüber ist Camille wie ausgewechselt. Sie antwortet nicht mehr auf Sarahs Nachrichten oder beschimpft sie als Ungläubige.

Das liegt an Abucobra al Faransi, einem Kontakt aus dem Internet, der Camille eines Tages eine Freundschaftsanfrage schickt. Er kommt für Camille wie gerufen, kann sie sich doch mit ihm über all ihre Gedanken und Ängste austauschen. Abucobra erzählt ihr, dass alle Menschen als Muslime geboren werden und nur durch ihre Erziehung vom Islam entfremdet werden. Er sagt ihr, dass sie von Gott auserwählt ist, damit sie helfen kann diese verdorbene Welt zu erneuern. Sie muss nur zum Islam konvertieren und sich den Regeln unterwerfen. Dabei wird sie immer wieder schwere Prüfungen durchstehen müssen,  aber sie wird diese große Aufgabe bewältigen, wenn sie tut, was er ihr rät.

Sarah ist höchst beunruhigt über das komische Verhalten ihrer Freundin. In ihrer Not wendet sie sich sogar an Camilles Eltern, geht zu einer Beratungsstelle und sucht immer wieder das Gespräch mit Camille. Doch die ist durch ihren „Rekrutierer“ Abucobra und seine Helfer schon so weit von der normalen Welt abgeschottet, dass sie nicht mehr klar denken und handeln kann. Sie bereitet sich heimlich auf eine Reise nach Syrien vor, um dort als Kämpferin ausgebildet zu werden.

Dann überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Sarah wird bei dem Terroranschlag im November 2015 im Bataclan Musiktheater schwer verletzt und Camille wird von der französischen Polizei festgenommen….

Dieses Buch hat mich von Anfang bis Ende fasziniert und schockiert. Denn es zeigt die perfekten und perfiden Taktiken der islamistischen „Rekrutierer“ und die oft unfassbare Naivität  ihrer Opfer. Wer das Buch liest, kann sehr gut nachvollziehen, warum es so oft und so einfach gelingt, Jugendliche mit den grausamen Ideen des Djihab, des Heiligen Krieges, zu infizieren und sie in die Falle zu locken. Es zeigt aber auch sehr drastisch, welche Macht und welche Gefahr vom Internet ausgeht, vor allem dann, wenn sich die virtuelle und die reale Welt vermischen.

Die Autorin weiß, wovon sie schreibt, denn sie arbeitet selbst in einer Beratungsstelle für politische und religiöse Radikalisierung. Sie hat mit unzähligen „Camilles“ und „Sarahs“ gesprochen und daraus eine fiktive, aber durchaus authentisch erscheinende Geschichte geschrieben.

Man möchte das Buch nicht aus der Hand legen, denn es ist packend, brisant und brandaktuell.

Monika H.

 

 

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