Die Gescannten

Coverfoto Die Gescannten
Copyright: Fischerverlage

von Robert M. Sonntag
Fischer, 2019
Taschenbuch, 192 Seiten
ab 12 Jahren
ISBN: 978-3733504816
8,00 Euro

Dieser Thriller spielt in der Zukunft. Nämlich im Jahr 2048. Das ganze Leben der Menschen ist gesteuert von dem sogenannten Denker. Dieser Denker ist ein Gerät, das es jedem ermöglicht, die Welt durch andere Augen zu sehen. Alles wird schöner als es die Realität in Animationen darstellt, die täuschend echt aussehen. Deswegen essen die Menschen z.B. gar kein echtes Essen, sondern Aromatabs, die z.B. den Geschmack von Pizza haben. Seinen Namen hat der Denker, weil man mit ihm über seine Gedanken kommuniziert, und der Denker jeden Menschen durch seine Gedanken kontrolliert.

Für Jaro ist diese Welt weit entfernt und er ist sehr fasziniert von dieser Digitalisierung. Er lebt mit seiner Familie mitten in der Natur, wo alles echt ist, also nicht animiert. Sie gehören einer Widerstandsorganisation an, die den Konzern des Denkers zerstören wollen. Zu Beginn des Buches wird Jaro als Spion in die Stadt eingeschleust und soll zusammen mit der Stadtbewohnerin Nana wichtige Informationen über die Zerstörung des Denkers beschaffen. Einziges Problem: Ultranetz (der Konzern) liest jederzeit seine Gedanken mit. Ob das gut geht?

Meine Meinung:

Mir das Buch sehr gut gefallen, weil es trotz der geringen Seitenanzahl und des einfachen Schreibstils viel Inhalt unter einen Hut bringt und es gleichzeitig sehr spannend ist und oft unerwartete Wendungen kommen. Die beiden Hauptfiguren Jaro und Nana waren mir auch auf Anhieb sympathisch. Mich hat nur manchmal Jaros Naivität ein wenig gestört, da ich manche seiner Handlungen nicht ganz nachvollziehen konnte. Ein wenig enttäuscht war ich auch von dem Ende des Thrillers, weil ich mir mehr erhofft habe und noch einige Fragen ungeklärt bleiben.

Trotzdem ist es ein gelungener Near-Future-Thriller, den ich Jugendlichen empfehlen kann, die gerne Thriller lesen und Science-Fiction mögen.

Sonja Schmitz, 15 Jahre

 

Der Verlag hat zu diesem Buch noch sehr interessante, weiterführende Informationen zusammengestellt:

aber A C H T U N G : SPOILER

Zoff mit Zuckerberg

Eine Auswahl: Welche Personen und Ereignisse hat der Autor in seiner Dystopie verarbeitet?

Bei der Figur Elliot im Buch hatte Robert M. Sonntag den Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor Augen – Elliot ist Zuckerbergs zweiter Vorname. Auch tauchen hier die Namen Phil und Harvard auf – Mark Zuckerberg besuchte die Phillips Exeter Academy und studierte später an der Harvard University.

Der junge Protagonist Jaro fordert von Elliot eine Erklärung, eine Entschuldigung dafür, dass Elliot die algorithmische Welt vorangetrieben hat. Und die Antworten von Elliot im Buch sind Zitate von Mark Zuckerberg – er verteidigte mit diesen Sätzen im US-Kongress seinen Konzern Facebook beim Datenmissbrauch-Skandal.

Das Zitat am Anfang des Buches wird der Zonenpräsidentin im Jahr 2048 zugeschrieben. In Wahrheit hat es der Google-KI-Entwickler Ross Goddwin 2018 in einem Interview gesagt. Vollständiger Wortlaut: „Wir Menschen sind doch auch nichts anderes als denkende Maschinen, die die Welt betrachten und Daten interpretieren.“

Der „Denker“ (das Kopfgerät, das Zugriff auf Gedanken hat) im Buch ist keine ferne Fiktion. Derzeit wird mit implantierten Elektroden geforscht – an gelähmten Patienten, die so wieder kommunizieren können. Auch Facebook forscht seit Jahren in diesem Bereich. Auch die im Buch erwähnten Nanopillen sind seit Jahren Forschungsgegenstand anderer Konzerne.  Der Begriff Himmelsnetz steht an einer Stelle im Buch für die allumfassende Überwachung „von oben“. Himmelsnetz heißt das riesige Überwachungsprojekt in China. Bis 2020 sollen 600 Millionen (!) Kameras alles überwachen – das entspricht etwa einer Kamera für zwei Einwohner. Die chinesische Überwachungspolitik (Sozialkreditsystem, weChat auch als Bezahlungskontrolle usw.) inspirierte den Autor auf vielfache Weise.

THX ist ein Teil des Türcodes, den Jaro in der geheimen Basis der Büchergilde eingeben muss. George Lucas nannte THX einen Protagonisten seines ersten Filmes, eine Dystopie (THX 1138). THX lebt in einer alleskontrollierenden Tech-Diktatur, doch rebelliert er schließlich – so wie die Büchergilde auch.

Susan heißt im Buch die persönliche Beraterin von Jaro. Sie ist eine Animation, programmiert von Ultranetz. Die Namensgeberin für diese Figur ist Susan Bennett, deren Stimme heute weltbekannt ist: Sie ist Siris englische Originalstimme. Die Sprecherin ließ damals ihre Stimme aufzeichnen, ohne zu wissen, dass Apple sie als Computerstimme verwenden wird.

Bei der weiteren Namenswahl spielten vor allem persönliche Gründe eine Rolle: Jaro hieß ein Freund des Autors aus Schultagen (Jaroslaw), das Wort Nana (die Stadt-Protagonistin) hörte er zum ersten Mal auf seinen Reisen durch palästinensische Städte – das Wort bedeutet aus dem Arabischen übersetzt Minze, etwas Natürliches, das es in den Städten eigentlich gar nicht mehr gibt 2048. Tomoko (die Entwicklerin der Büchergilde, Jaros Vertrauensperson) heißt eine befreundete Kollegin des Autors, die er im hochtechnologisierten Tokio kennengelernt hat.

Andere Anspielungen sind recht deutlich – von Amazon (im Buch: Ultra-24. Ihr Shop, liefert in 24 Minuten) bis zu Online-Partnerbörsen (im Buch: mit Leih-Funktion für den Partner). Vieles ist heute schon Realität, von den „geliehenen“ Freunden bis zu den Paketdrohnen.

Obwohl Philip K. Dick den Autor inspirierte und in einer Szene (geheime Bibliothek) erwähnt wird, sah der Autor erst viel später einen ungewollten „Ideenklau“ – einer ArteDoku über Dick sei Dank. Im Dicks Buch Ubik spricht eine Tür mit seinem Benutzer, gleiches geschieht bei den Gescannten, wenn auch hier der Autor eher „Smart Home“ und das „Internet der Dinge“ vor Augen hatte. Margret Atwood taucht an einer Stelle auf – mit ihr versucht der Buchliebhaber Arne zu erklären, welchen Sinn Dystopien machen (in einer Dystopie kein leichtes Unterfangen).

In der Danksagung wird ein gewisser Stanislaw in Lwiw/Lemberg erwähnt. Der Autor war dort auf Lesereise mit der ukrainischen Ausgabe der Scanner. In einer schlaflosen und merkwürdigen Nacht las der Autor dort SOLARIS von Stanislaw Lem zu Ende. Erst am nächsten Morgen erfuhr er von einer Mitarbeiterin des Goethe-Instituts, dass Stanislaw Lem einst in Lemberg lebte. Zufall? Oder besuchte ihn nächtlich Stanislaws Geist? Autoren haben eine große Fantasie …

Mehr zu Robert M. Sonntag / Die Gescannten / Autorenseite: www.martin-schaeuble.net

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