Junge ohne Namen

Coverfoto Junge ohne Namen
Copyright: Fischerverlage

von Steve Tasane
Fischer, 2019
gebunden, 144 Seiten
ab 12 Jahren
ISBN 978-3-7373-5643-5
16,00 Euro

 

Heute ist der Schlamm trocken und verkrustet und weht in meine Augen. Heute habe ich Geburtstag.
Ich glaube jedenfalls, dass es mein Geburtstag ist. Ich bin mir ganz sicher, dass es so ist. Ich werde zehn. Ich bin zehn. Bestimmt.

Der Junge ist ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Er wird im Lager nur „I“ genannt. Denn niemand weiß seinen richtigen Namen. Nur er selbst. Er kennt auch die Namen seiner Eltern und Schwestern und er erinnert sich an ihre Geburtstage — und an sein Zuhause. Er weiß, dass sein Onkel ihm Geld in die Tasche steckte, bevor er ihn in ein Boot voller Fremder hob.

I ist dort vor Erschöpfung eingeschlafen und als er wieder aufwachte, waren seine Eltern und Geschwister weg. Und sein Geld, sein Handy und seine Papiere. Deshalb sitzt er nun im Lager und die Wachmänner lassen ihn nicht raus. Denn er hat keinen Pass, der beweist, dass es ihn überhaupt gibt.

Aber I ist nicht allein. Er hat Freunde im Lager, sie heißen L und E und V. Sie spielen zusammen und beschützen sich gegenseitig. Und sie haben sich eine eigene Hütte gebaut. Aus Resten von Spanplatten und Fetzen von geteertem Segeltuch. Dort schlafen sie und bewahren ihre „Schätze“ auf, wie Streichhölzer oder Fotos von Zuhause.

I und seine Freunde haben immer Hunger und sie suchen in den Müllhaufen des „Tiefen Grabens“ nach Eßbarem und verwertbarer Kleidung. Sie sind immer schmutzig, denn das Lager starrt vor Schlamm und Dreck. Gut, dass es Charity gibt, eine junge Frau, die am Rand des Lagers in einem Doppeldeckerbus lebt und den Kindern manchmal Schuhe oder etwas zu essen besorgt, das wohltätige Menschen gespendet haben.

Eine Tages kommt der dreijährige O ins Lager, er kann nicht sprechen, aber er ist fröhlich und zutraulich und schließt sich I und seinen Freunden an. Doch dann rollen die Bulldozer durch das Lager und nichts ist mehr wie früher. ..

Dieses beeindruckende Buch stammt von einem Flüchtlingskind. Aber es erzählt nicht dessen eigene Geschichte.  Trotzdem ist die Geschichte von I und seinen Freunden wahr, sie passiert so oder ähnlich vielen Flüchtlingskindern in Lagern auf der ganzen Welt.

Der Text ist in ganz einfachen Worten geschrieben, nicht anklagend, sondern ehrlich, klar und sehr berührend.  Das schreckliche Leben im Lager lässt niemanden kalt und man schließt diese tapferen und starken Kinder, die sich auch in den schlimmsten Situationen nicht unterkriegen lassen, sofort ins Herz.  Sie wollen leben und lachen und spielen und dazugehören, mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Und sie suchen ein Zuhause und Menschen, die sich um sie kümmern. Das hätten sie wirklich verdient.

Dieses Buch ist erschütternd, aber wichtig! Und deshalb wünsche ich ihm so viele Leser wie möglich. Große und kleine, junge und alte und vor allem Menschen, die mitfühlen und dafür kämpfen, dass solche Schicksale wie die von I und seinen Freunden irgendwann doch ein gutes Ende finden.

Monika H.

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