Eine Insel zwischen Himmel und Meer

Coverfoto Eine Insel zwischen Himmel und Meer
Copyright: dtv

von Lauren Wolk
aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
dtv Reihe Hanser, 2018
gebunden, 288 Seiten
ab 12 Jahren
ISBN 978-3-423-64035-0
14,95 Euro

„Ich heiße Crow. Crow wie Krähe. Als ich noch ein Baby war, hat mich jemand in ein altes Boot gepackt und aufs Meer hinausgeschoben. Wie ein Samenkorn auf einer hohen Welle bin ich auf einer winzigen Insel an Land gespült worden.“

Crow lebt zusammen mit Osh auf einer der abgelegenen Elisabeth-Inseln vor der Küste von Massachusetts. Osh hat vor vielen Jahren sein altes Leben und seine Familie hinter sich gelassen und sich auf der Insel ein neues Leben aufgebaut. Er lebt in einer selbstgebauten Hütte aus Meerschlamm und Teilen gestrandeter Schiffe, im Garten baut er Gemüse an und aus dem Meer angelt er Muscheln und Fische. Sein einziger Besitz ist ein kleines Segelboot.

Osh hat Crow wie selbstverständlich bei sich aufgenommen, als sie vor 12 Jahren als Baby ans Ufer seiner Insel gespült wurde. Für Crow ist Osh so etwas wie ihr Vater. Und Miss Maggie, die auf der Nachbarinsel Cuttyhunk wohnt, ist so etwas wie eine Freundin für Crow. Miss Maggie lehrt Crow lesen, schreiben und rechnen, sie kümmert sich liebevoll um Crow und Osh und passt auf, dass es ihnen gut geht. Die Drei sind ein gut funktionierendes Trio, das im perfekten Einklang mit der Natur und dem Meer lebt.

Eines Abends sieht Crow auf der eigentlich unbewohnten Insel Penikese ein Feuer auflodern. Dort sollen vor vielen Jahren ein paar Leprakranke gewohnt haben, die aber mittlerweile gestorben sind. Selbst heute noch wagt sich niemand  auf die Insel aus Angst vor Ansteckung mit dieser tödlichen Krankheit. Crow beginnt nachzuforschen und bekommt heraus, dass auf Penikese auch zwei Babys geboren wurden, eins wurde in ein Waisenhaus aufs Festland abgeschoben, das andere Baby soll gestorben und auf Penikese beerdigt worden sein.

Im Lauf ihrer Nachforschungen stößt Crow auf viele Fragen. Warum halten die Menschen immer Abstand zu ihr und warum hat sie eine viel dunklere Hautfarbe als andere? Wieso hat sie ein Muttermal in Form einer kleinen Feder auf der Wange? Was sollen der verwaschene und kaum noch lesbare Brief und der kleine Rubinring ihr sagen, den Osh zusammen mit ihr in dem Boot fand, mit dem sie vor 12 Jahren auf seiner Insel gestrandet ist?

Crow hat auf einmal ein großes Verlangen herauszufinden, woher sie kommt und wer ihre richtigen Eltern waren. Sie fügt ein Puzzlesteinchen zum nächsten und scheint ihrer Herkunft ganz nah zu sein, da überschlagen sich die Ereignisse. Und es wird plötzlich richtig gefährlich für sie und alle, die sie lieben….

Dieses Buch ist kaum zu beschreiben, denn es ist ein außergewöhnliches und wunderbares Geschenk, das die Autorin uns mit dieser Geschichte macht. Lauren Wolk besitzt eine großartige Gabe, mit sehr bildhaften und poetischen Worten Landschaften zu „malen“ und vor unserem inneren Auge aufzubauen, so dass man sich mitten in sie hineinversetzt fühlt. Beim Lesen hat man wirklich das Gefühl, mit bloßen Füßen durchs plätschernde Wasser zu waten, die salzverkrusteten Kleider auf der Haut zu spüren, die köstlich duftende Muschelsuppe mit den warmen Butterbrötchen auf der Zunge zu schmecken oder mit Crow am Strand auf Schatzsuche oder im Meer auf Hummerfang zu gehen.

Die Personen- Crow, Osh , aber auch Miss Maggie- sind alle auf ihre höchst eigene Art bezaubernd, wild und eigenwillig, aber auch sehr liebevoll und fürsorglich dargestellt. Crows immer stärker werdender Wunsch, endlich ihre richtigen Eltern zu finden, aber zwischendurch auch zu zweifeln, ob das überhaupt wichtig und gut für sie ist,  ist absolut nachvollziehbar und man kann sich in ihre Gedanken und inneren Kämpfe gut hineinversetzen.

Auch Osh, für den Crow wie seine richtige Tochter ist, kämpft verzweifelt, denn er will sie nicht verlieren. Miss Maggie ist die Brücke zwischen den Beiden, sie vermittelt so gut sie kann und versucht, für jeden Verständnis zu haben.

Die Geschichte, die sich Lauren Wolk um das Geheimnis von Crows Herkunft ausgedacht hat, ist kunstvoll gewebt und schlägt einen großen Spannungsbogen, der immer wieder voller unvorhersehbarer Überraschungen ist. So bleibt die Spannung die ganze Zeit auf hohem Niveau, ohne dass dadurch der ruhige Erzählfluss und die poetische Sprache verloren gehen. So etwas findet man nur selten.

Dieses Buch, hat mich bereits wie Lauren Wolk´s erstes Werk „ Das Jahr, in dem ich lügen lernte“ (auch hier im Blog besprochen) völlig umgehauen. Man kann nicht aufhören zu lesen, man wird in den Strudel der Geschehnisse hineingesogen und taucht erst auf der letzten Seite glücklich und erschöpft von diesem gewaltigen Leseerlebnis wieder in die Realität ein. Dieses berührende Buch ist wirklich ein Geschenk- für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Monika H.

 

 

 

 


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