Mein geliehenes Herz

Coverfoto Mein geliehenes Herz
Copyright: Carlsen

von Shivaun Plozza
aus dem Englischen von Sylke Hachmeister
gebunden, 362 Seiten
Carlsen, 2020
ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-551-58412-0
18,00 Euro

Nach einer erfolgreichen Herztransplantation, beginnt Marlow mit achtzehn Jahren ihren Schulabschluss nachzuholen. Schule, Hausaufgaben, Alltag. Eigentlich sollte sie langsam aber sicher in die Normalität zurückfinden, jedenfalls so weit wie man das Leben mit ihrer Familie als normal bezeichnen kann. Ihr kleiner Bruder geht täglich mit den ausgefallensten Kostümen zur Schule, und ihre Mutter eröffnet direkt neben einem Metzger ihren veganen Bioladen und beginnt natürlich als erstes einen Krieg gegen die Metzgerei. Doch trotz all dieser kunterbunten Ablenkungen lässt eine Sache Marlow nicht los.

Ihre Spenderfamilie möchte keinen Kontakt zu ihr haben, dabei würde sie so gerne mehr über den Jungen erfahren, dem sie ihr Herz und somit ihr Leben verdankt. Was ist das für ein Herz, das da in ihrer Brust schlägt und sich nach wie vor fremd anfühlt? Ist es ein gutes Herz? Rebellisch oder eigennützig?

Sie hat das Gefühl, sich erst dann richtig zu kennen, wenn sie mehr über sein Herz und ihn weiß. Daher macht sie sich selbst auf die Suche und lernt seine Schwester kennen. Eigentlich wollte sie ja nur wissen, wer er war, aber dann werden sie und Carmen richtige Freundinnen. Doch Marlows Geheimnis würde immer zwischen ihnen stehen und sie weiß, dass sie Carmen die Wahrheit sagen muss. Aber ist es dafür nicht vielleicht schon zu spät?

Seit ihrer Operation hat Marlow den dringenden Wunsch, mehr über ihren Spender zu erfahren, was ich gut verstehen kann, schließlich trägt sie sein Herz in der Brust. Es ist jetzt ein Teil von ihr und wird sie ein Leben lang begleiten. Als die Nachricht der Spenderfamilie eintrifft, die besagt, dass diese keinen Kontakt zu ihr will, bricht für Marlow eine Welt zusammen. Als sie dann jedoch per Zufall einen Hinweis auf die Familie findet, beschließt sie der Sache selber nachzugehen.

Diese Entscheidung hat mich persönlich sehr zum Nachdenken gebracht, da ich beide Parteien sehr gut verstehen kann. Ich verstehe Marlows Wunsch, mehr über Luis und damit über sich selbst erfahren zu wollen. Aber ihre Methode finde ich mehr als fragwürdig. Dadurch, dass sie sich mit Carmen anfreundet, dringt sie extrem in deren Privatsphäre ein, belügt sie und am allerschlimmsten: respektiert ihren Wunsch, keinen Kontakt zu haben nicht. So sehr ich Marlow auch für ihre Willensstärke bewundere, finde ich sie wahnsinnig egoistisch. Denn nicht nur sie hat ein neues Herz, sondern auch Luis Familie hat eine Geschichte. Carmen hat ihren Bruder verloren, vermutlich einer der schlimmsten Verluste überhaupt. Jeder Mensch trauert anders und niemand hat das Recht sich da einzumischen. Natürlich weiß Marlow das auch, aber sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrem Verlangen mehr zu erfahren und ihrem Respekt vor Carmen.

Irgendwann verselbstständigt sich alles und sie steckt mitten in einer monströsen Lügengeschichte, die jederzeit auffliegen könnte. Gerade diesen Zwiespalt finde ich super spannend, da man nahezu in die Geschichte hineingesogen wird und unbedingt herausfinden möchte, ob Marlow doch noch die Kurve kriegt, oder ob alles in einer Katastrophe endet.

Ann-Kathrin Opiolka, 18 jahre

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