Zusammen sind wir Helden

Coverfoto zusammen sind wir Helden
Copyright: Carlsen

von Jeff Zentner
aus dem Englischen von Ingo Herzke
Carlsen, 2018
gebunden, 372 Seiten
ab 16 Jahren
ISBN 978-3-551-55685-1
17,99 Euro

Ich habe an meiner Highschool genau zwei Freunde. Der eine ist der Sohn eines Pastors einer mit Schlangen hantierenden Erweckungsgemeinde. Sein Vater wurde seines Amts enthoben und verbüßt derzeit eine Gefängnisstrafe. Mein anderer Freund arbeitet im Holzlager, um Geld für Bücher zu verdienen. Und ich schreibe einen Blog namens Dollywoud. Auf den Namen kam ich durch die Countrysängerin Dolly Parton: Sie hat einmal gesagt:  „Wenn dir der Weg nicht gefällt, auf dem du gehst, dann pflastere dir deinen eigenen.“

 Ich mag Bücher, die mich zum Lachen bringen- aber auch solche, bei denen ich weinen muss. Ich mag Bücher, über die ich nachdenken kann- aber auch die, die mein Herz berühren. Dieses Buch hat das alles zusammen geschafft.

Zugegeben, es ist schon sehr amerikanisch und ich brauchte eine Weile, um in das Leben der tristen Kleinstadt Forrestville und ihrer Bewohner einzutauchen.  Da ist zum Beispiel Dillard, dessen Vater Prediger ist und seit einiger Zeit im Gefängnis sitzt. Seine Mutter schuftet in einem Motel und Dill versucht, sie mit seiner Arbeit in einem Supermarkt zu unterstützen. Sie haben jede Menge Schulden und Dills Mutter hält das Lernen für seinen Highschool- Abschluss für reine Zeitverschwendung. Er soll die Schule schmeißen und ganztags arbeiten. Darüber gerät Dill immer wieder mit ihr in Streit. Dann hilft ihm nur seine Gitarre, auf der er melancholische Songs komponiert.

Travis hat einen alkoholabhängigen, gewalttätigen Vater, mit dem er zusammen im Holzlager arbeitet. Doch in seiner Freizeit lebt Travis in einer anderen Welt. Er ist versessen auf die Bücher einer bestimmten Fantasy-Serie. Seine Helden dort lassen ihn sein trauriges Leben in der Realität vergessen.

Die Dritte im Bunde ist Lydia, schrill, bunt, ein bisschen dick und sehr schlau. Sie ist fest entschlossen, nach der Highschool als Modebloggerin in New York zu leben. Und ihre Freunde Dill und Travis will sie am liebsten dorthin mitnehmen. Doch die beiden haben weder die finanziellen Mittel noch die Vorstellungskraft, Lydias Träume mitzudenken, geschweige denn sie zu begleiten.

Trotzdem sind die drei beste Freunde, sie hängen in ihrer knappen Freizeit zusammen ab, gucken sich die vorbeifahrenden Züge an,  kaufen bei einem schrulligen Buchhändler ein oder fahren in Lydias Kleinwagen nach Nashville, um sich die neusten Modetrends in den Boutiquen anzusehen.

Obwohl Travis, Lydia und Dillard unterschiedlicher nicht sein könnten, sind sie doch eng miteinander verbunden. Sie passen auf sich auf, sie beschützen sich und kämpfen füreinander. Sie machen sich Mut, sie verlieben sich und schmieden Pläne für ihre Zukunft—bis ein unfassbares, unvorhersehbares Erlebnis ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt. Nichts ist mehr so wie vorher… und doch bleibt eins, wie es immer war: zusammen sind sie ganz besondere „Helden“.

Diese Geschichte hat mich sehr berührt und sich tief in mein Herz gegraben. Die Bilder von Travis, Lydia und Dillard begleiten mich und ich muss immer wieder an die drei denken, obwohl ich das Buch schon vor einer Woche ausgelesen habe. Aber die Charaktere sind mir so nah und vertraut, als ob sie neben mir stehen würden. Und das, finde ich, ist  die große Kunst des Autors. Er hat sich unfassbar gut in seine Protagonisten hineinversetzt, hat ihre Gedanken und Gefühle mitgelebt und sie in einfacher, aber sehr einfühlsamer Art aufgeschrieben. Auch die Nebencharaktere, wie der der bigotten Mutter von Dillard oder der des schrecklichen Vaters von Travis sind gut getroffen. Und wer schon einmal in den USA war, weiß, wie gut Jeff Zentner auch die Landschaft und das Leben in einer typisch amerikanischen Kleinstadt gezeichnet hat.

Ich wünsche dieser bewegenden Geschichte viele Leser, sie hat es wirklich verdient.

Monika H.

 

 

 

   


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