Über die Berge und über das Meer

Coverfoto Über die Berge und über das Meer
Copyright: Gerstenberg

von Dirk Reinhardt
Gerstenberg, 2019
gebunden, 317 Seiten
ab 12 Jahren
ISBN: 978-3-8369-5676-5
14,95 Euro

Soraya lebt in einem kleinen Paschtunendorf in Afghanistan. Sie wurde als siebte Tochter geboren, was eine Riesenschande für ihre Familie darstellt. Denn in Afghanistan ist es sehr wichtig, Jungen als Erben zu haben. Um die Ehre ihrer Mutter wieder herzustellen, wird Soroya vom Mullah ihrer Moschee zum Jungen erklärt und lebt seitdem unter dem Namen Samir.

Als Junge hat sie viel mehr Freiheiten als die anderen Mädchen in ihrem Dorf, da sie unbeobachtet draußen herumlaufen und mit den anderen Jungen spielen darf. Sie liebt all diese Freiheiten, aber als sie vierzehn Jahre ist, soll ihre Zeit als Junge endgültig enden, da auch sie dann als gewöhnliche Frau und gebunden an deren Regeln leben soll.

Kurz bevor sie diese Rolle antritt, wird sie jedoch von einem Talib beim Spielen mit den Jungen erwischt. Er schlägt sie und führt sie zu ihren Eltern, wo er droht, der Familie zu schaden, wenn sie nicht den Islam achtet und so lebt, wie es sich für eine Frau gehört. Ihr Vater und ihr Großvater beschließen, dass sie in diesem Leben niemals glücklich werden würde und schicken Soraya nach Istanbul in die Türkei, da Frauen dort mehr Rechte haben.

Zeitgleich wird Tarek, ein Nomadenjunge, den Soraya von einigen Sommeraufenthalten in der Nähe ihres Dorfes kennt und eigentlich sehnsüchtig erwartet hat, von den Taliban angeworben, da er die Berge kennt wie seine Westentasche. Sein Vater will jedoch nicht, dass sein Sohn für „Mörder“  arbeitet und schickt ihn deshalb auf den Weg nach Deutschland, wo er bei einem Onkel leben soll.

Tarek und Soraya haben beide eine lange Reise vor sich, auf der viele Gefahren und Hürden warten. Werden sie ihr Ziel erreichen oder werden sie auf der langen Flucht verloren gehen? Werden sie sich wiedersehen, oder wird sie das Schicksal auf ewig trennen?

Soraya und Tarek sind zwei unglaublich starke Charaktere. Soraya hat fast ihr gesamtes bisheriges Leben als Junge verbracht, wodurch sie für ein Mädchen sehr durchsetzungsstark ist. Aber auch ihr verlangt die Reise einiges ab. Es ist wahnsinnig spannend, ihren Weg mit zu verfolgen. Sie lernt viele neue Menschen kennen, einige wollen ihre Situation nur ausnutzen und an ihrer Not Geld verdienen, ohne darauf zu achten, ob sie sie damit in Gefahr bringen. Aber in einigen findet sie auch neue Freunde und starke Verbündete, da schnell klar wird, dass man in großer Not zusammenhalten muss.

Tarek ist als Kuchi aufgewachsen und kennt sich unglaublich gut mit der Natur und den Bergen aus. Wenn ein Schaf der Herde verloren ging, ist er mit seinem Hund allen Gefahren zum Trotz wieder losgezogen und hat es zurückgeholt. Die Zähheit, die er durch das Nomadenleben erworben hat, erweist ihm auf der Flucht große Dienste, da er sich bei der Überquerung  der Berge deutlich besser schlägt als andere, was ihm den Respekt der Schleuser einbringt.

Soraya und Tarek sind völlig überwältigt von den großen Städten, durch die ihre Reise zum Teil geht, da diese sich drastisch von ihrem bisherigen Leben unterscheiden. Beide haben natürlich auch Angst, da sie ihr altes Leben aufgeben und diese gefährliche Reise in die Fremde antreten mussten, doch sie geben nicht auf, da sie ein Ziel haben und dieses mit aller Macht erreichen wollen.

Besonders gut hat mir gefallen, dass dieses Buch einen wunderbaren Einblick in die verschiedenen Kulturen gibt. Außerdem spricht es ein Thema an, das wahnsinnig aktuell ist, aber im Alltag leider immer mehr in den Hintergrund rückt. Wir leben unser Leben und nehmen vieles als selbstverständlich hin, während viele Flüchtlinge wie Soraya und Tarek ihre Heimat aufgeben und um ihr Leben kämpfen müssen, wegen einem Krieg, den sie nicht verantworten. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig darauf aufmerksam zu machen, welche Mühen und Gefahren viele Menschen auf sich nehmen, um in sicherere Länder zu reisen, damit die Menschen ihnen dort mit Respekt entgegen treten und ihnen helfen.

Ann-Kathrin Opiolka, 16 Jahre

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